Tournai und Ludwig XIV
Wir sind im Jahre 1667. Es herrscht der so genannte 'Devolutionskrieg'. Ludwig XIV. fordert im Namen seiner Frau, der Infantin Maria Theresia, Tochter aus erster Ehe König Philipps IV., die Rechte über die Niederlande. Als er am 21. Juni persönlich kommt, um Tournai zu belagern, erfährt er wenig Widerstand. In drei Tagen alles ist erledigt.
 
Nach einer 146 Jahre dauernden spanischen Trennung wird Tournai folglich wieder französisch.
 
Diese Stadt, die Ludwig XIV. so leicht eingenommen hat, möchte er behalten und befestigen, besonders deshalb, weil sie einen Platz im Verteidigungssystem des Königreiches einnehmen wird.
 
Die Arbeiten sind in Umfang und Form außergewöhnlich. Die Stadtmauer wird verstärkt, die Eingangstore der Gemeindemauer gefestigt, die Schelde wird kanalisiert, um bei einer Belagerung ein Überschwemmungssystem zu bieten, und vor allem wird eine enorme Zitadelle gebaut. Architekt ist Deshouillères, Ingenieur Jean de Mesgrigny und inspirierender Berater selbstverständlich Vauban. Man geizt nicht mit den Mitteln: Ein Viertel wird abgerissen, Kasernen werden gebaut, um die 30.000 Soldaten unterzubringen, die an dieser Baustelle mitarbeiten.
 
Die Arbeiten sind nicht nur militärisch, der Klerus folgt der Bewegung: 1671 legen Ludwig XIV. und Maria Theresia den Grundstein der Kirche der Abtei Saint-Martin, und 1688 gründet Bischof Gilbert de Choiseul ein Bischofsseminar, das erhalten und restauriert wurde.
 
Das Hauptgebäude aus dieser brausenden Zeit ist unbestritten das 'Parlament von Flandern', 1676 gegenüber der Schelde errichtet. Dies zeigt, welche Bedeutung Ludwig XIV. Tournai schenkte, denn die territoriale Kompetenz dieses 'Souveränen Gerichtshofs' erstreckte sich von Dünkirchen bis nach Philippeville.
 
Der Sonnenkönig liebte Tournai. In den zweiundvierzig Jahren seines Daseins veränderte sich die Stadt. Eine Promenade entlang den Ufern ermöglicht es uns, den 'harmonisch geordneten' Stil zu bewundern, den er durchsetzte. Die Reproduktion eines im Folkloremuseum ausgestellten Modells gibt uns einen Überblick über das Aussehen der Stadt während seiner Herrschaft.
 
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts zieht er Tournai im Spanischen Erbfolgekrieg in einen internationalen Konflikt hinein. Am 3. September 1709, nach 57 Tage Belagerung, ergibt sich die 'uneinnehmbare' Zitadelle, die an Hungersnot und Munitionsmangel litt. Mit dem Vertrag von Utrecht (1713) kommt die Stadt an das Haus Österreichs.
 
Fremdenführerverband von Tournai - Jean-Pierre Foucart